Finnland Frühjahr 2026
Plötzlich wurde es still auf der Lichtung.
Der große Auerhahn stand mitten im Schnee, den Schwanz weit aufgefächert, die Flügel leicht abgesenkt. Im ersten Licht des finnischen Morgens glänzte sein dunkles Gefieder fast blau. Aus unserer Fotohütte konnten wir jede Bewegung beobachten. Niemand wagte zu sprechen.
Dann erschienen zwischen den Birken die ersten Hennen.
Erst eine. Dann noch zwei weitere. Vorsichtig traten sie auf die Balzfläche und beobachteten den Hahn aufmerksam. Sofort änderte sich sein Verhalten. Er richtete sich höher auf, begann laut zu knappen und drehte sich langsam im Kreis, damit die Hennen sein prächtiges Gefieder sehen konnten.
Der Auerhahn wirkte jetzt völlig in seinem Element – stolz, konzentriert und fast majestätisch. Immer wieder lief er auf die Hennen zu, blieb stehen und präsentierte seinen gewaltigen Schwanzfächer. Die Hennen dagegen bewegten sich ruhig und aufmerksam über die Lichtung, als würden sie genau prüfen, welcher Hahn der stärkste war.
Plötzlich flatterte der Hahn mit lautem Flügelschlag direkt vor eine der Hennen. Schnee wirbelte auf. Für einen kurzen Moment stand die Gruppe nur wenige Meter vor unserer Hütte. Man hörte sogar das leise Kratzen ihrer Krallen auf der vereisten Oberfläche.
Dann kam der entscheidende Augenblick.
Eine der Hennen duckte sich leicht, der Hahn sprang auf ihren Rücken, schlug mit den Flügeln und paarte sich mitten auf der offenen Lichtung. Alles dauerte nur wenige Sekunden. Danach stolzierte der Hahn weiter über den Balzplatz, als gehöre ihm der ganze Wald.
In der Fotohütte blickten wir uns nur schweigend an. Jeder wusste, wie selten und besonders dieser Moment war. Manche Fotografen warten jahrelang darauf, genau so eine Szene erleben zu dürfen.
Draußen begann langsam die Sonne über den finnischen Wäldern aufzusteigen, während der Auerhahn weiter zwischen seinen Hennen balzte – vollkommen ungestört, als gäbe es außer ihm und der Taiga nichts anderes auf der Welt.
Nach den unvergesslichen Begegnungen mit dem Auerhahn wechselten wir in andere Fotohütten tief in der finnischen Wildnis. Jede Hütte lag an einem anderen Ort: manche mitten in Moorlandschaften, andere am Rand dichter Wälder oder an abgelegenen Lichtungen. Überall wartete eine neue Überraschung.
Besonders eindrucksvoll war die Balz der Birkhühner. Noch lange vor Sonnenaufgang saßen wir bereits vollkommen still in einer flachen Tarnhütte mitten im Moor. Der Schnee war inzwischen fast verschwunden, nur einzelne helle Flecken lagen noch zwischen den braunen Grasflächen und dem feuchten Boden.
Mit dem ersten Licht begann plötzlich Leben auf der offenen Fläche. Von allen Seiten flogen Birkhähne ein. Ihre schwarzen Körper glänzten bläulich im Morgenlicht, und die roten Augenwülste leuchteten intensiv. Immer mehr Hähne versammelten sich direkt vor unserer Hütte.
Dann begann die Balz.
Die Vögel liefen mit gespreizten Schwänzen über das Moor, zischten laut, sprangen gegeneinander und lieferten sich kurze Kämpfe. Immer wieder flatterten sie hoch, landeten wieder und drehten sich voreinander im Kreis. Später erschienen mehrere Weibchen zwischen den Balzplätzen. Sofort wurden die Hähne noch aktiver. Direkt vor unseren Objektiven konnten wir beobachten, wie einzelne Hähne die Weibchen umwarben und sich schließlich paarten.
Die ganze Szene wirkte fast unwirklich im weichen Licht des finnischen Frühlingsmorgens.
Doch Finnland zeigte uns nicht nur die Balz der Waldhühner.
An einem anderen Abend bezogen wir eine größere Fotohütte tief im Grenzgebiet zu Russland. Dort hofften wir auf Braunbären und vielleicht sogar auf einen Vielfraß. Die Stimmung in der Hütte war gespannt. Stundenlang passierte nichts außer dem Ruf eines Kolkraben und dem Rascheln des Windes in den Birken.
Kurz vor Sonnenuntergang trat plötzlich der erste Braunbär aus dem Wald.
Langsam lief er über die Lichtung und schnupperte in die Luft. Wenig später folgten weitere Tiere. Ein großes Männchen, zwei jüngere Bären und später sogar noch mehrere andere. Jeder kam aus einer anderen Richtung des Waldes. Manche Tiere begegneten sich kurz, beobachteten einander und verschwanden wieder zwischen den Bäumen.
Besonders beeindruckend war die Ruhe dieser riesigen Tiere. Trotz ihrer Größe bewegten sie sich erstaunlich lautlos.
Während wir noch die Braunbären fotografierten, tauchte plötzlich am Rand der Lichtung ein Vielfraß auf. Klein im Vergleich zu den Bären, aber voller Energie und Aufmerksamkeit. Vorsichtig bewegte er sich über den Waldboden, blieb immer wieder stehen und prüfte die Umgebung.
Für viele von uns war genau dieser Moment der Höhepunkt der Reise. Einen Vielfraß in freier Wildbahn zu sehen, noch dazu bei perfektem Abendlicht, ist selbst in Finnland etwas ganz Besonderes.
In den folgenden Tagen besuchten wir weitere Fotohütten an unterschiedlichen Orten der Taiga. Jede Landschaft sah anders aus: offene Moore, dunkle Kiefernwälder, kleine Seen und sumpfige Lichtungen. Und überall gab es neue Tierbegegnungen.
Manchmal erschienen Braunbären bereits am frühen Abend, manchmal erst mitten in der Nacht. Einige Tiere kamen neugierig bis dicht an die Hütten heran. Andere blieben lieber am Waldrand im goldenen Licht der tief stehenden Sonne.
Am Ende der Reise hatten wir nicht nur außergewöhnliche Fotos gemacht. Wir hatten das Gefühl bekommen, einen kleinen Einblick in die wilde und verborgene Welt des finnischen Nordens erhalten zu haben — still beobachtet aus unseren Fotohütten mitten in der Taiga.






















